Digitalisierung des Einzelhandels: Bleibt da noch lokale Luft?

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Sicher ist, dass viele der innovativen Neuerungen im Zuge der Digitalisierung traditionelle Gegebenheiten ablösen und zum Teil auch gänzlich verdrängen. Nicht erst seit gestern werden Stimmen lauter, die auch von einer weitläufigen „Zerschlagung” des stationären Einzelhandels sprechen. Geht das zu weit? Für eine klare Differenzierung sowie Positionierung für Zwischentöne.

Wollen wir das wirklich?

Dass die Digitalisierung fundamentale Veränderungsprozesse mit sich bringt, ist ein Lied von Gestern. Besonders der Einzelhandel kann sich angetretenen Umwälzungsprozessen nicht entziehen, auch wenn sich die mittlerweile eintönige Melodie noch nicht überall zum Ohrwurm etabliert hat. Doch gilt dieser fundamentale Ansatz überhaupt für jeden in der gleichen Intensität? Lesen wir nicht auch weiterhin Bücher, die das Fernsehen, Internet, e-Books, Radio und Co. überlebt haben? Wird nicht alles Alte (oft unbegründet) nach Etablierung etwas Neuem totgesagt? Wirklich wissen können wir es nicht und die eigentliche Frage im Online-/ Offline-Kontext ist doch vor allem ‒ Wollen wir die eine Seite wirklich missen?

Sollenausgestorbene Innenstädte” und die Verödung von Einkaufsstraßen” zukünftig jedes Stadtbild prägen? Das kann und sollte nicht einmal im Sinne der größten E-Commerce-Fürsprecher liegen. Abgesehen davon profitiert der stationäre Einzelhandel von Vorteilen, die durch die Digitalisierung zwar noch einfacher und interessanter gestaltet werden können, der sie aber nie gänzlich das Wasser reichen kann. Stichwort: Spontankauf, Anprobe, persönliche Beratung oder Ausflugscharakter. Daneben ist der stationäre Handel ein Jobmotor, mit einer Dimension, die der E-Commerce auf Grund steigender Technologieautomatisierung so schnell nicht gerecht wird.

Ein Für- und Mit- statt Gegeneinander

Es soll sich hierbei nicht um ein Verteidigungspamphlet für den stationären Handel drehen, aber im mittlerweile lauten Niedergangsgeschrei gegenüber dem E-Commerce ist eine Stimme ganz leise geworden, nämlich diejenige, die sagt: Beide Seiten werden wichtig bleiben; beide Seiten können sich gegenseitig stützen und vor allem ‒ die Entwicklung ist nicht über einen Kamm zu scheren.

Jeder wird sich individuell, auch mit Hilfe des anderen, entwickeln und jeder wird den Wachstumstreiber Digitalisierung für sich anders nutzbar machen können. Große Player sind anders gefordert als der stammkundschaftbeseelte Laden um die Ecke. Wichtig ist nur, dass in jedem Bereich auch etwas passiert! Nur braucht sich nicht jeder Gedanken über Virtual Reality und Co. zu machen, wohl aber darum, in naher Zukunft der digitalen Aufbewahrungspflicht gerecht zu werden Stichwort: GoBD (Grundsätze zur ordnungsgemäßen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff”).

Flächendeckende Klarheit über das zunächst Wesentliche

GoBD: Eine Form der Transparenz, die vielen Einzelhändlern zunächst gegen den Strich geht. Nur stellt sich hier wiederum nicht die Frage des Wollens. Hier reden wir von einem Müssen, um sein Geschäft überhaupt weiterführen zu können und das maßgeblich durch die Digitalisierung herbeigeführt wurde. Unterm Strich sollte aber wieder der Mehrwert gesehen werden, denn mit den neuen Finanzamtsregelungen geht eine wesentlich einfachere Aufbereitung relevanter Daten einher, die es dem Einzelhändler ermöglicht, problemlos die Buchhaltung zu stemmen, sowie die Kommunikation mit Steuerberatern und auch die mit Banken hinsichtlich des Kreditvergabegeschäfts deutlich zu vereinfachen.

Ein weiterer Faktor in Sachen Transparenz, der zwar wieder aus dem Spektrum des Müssens fällt aber als Pflicht angesehen werden sollte, ist die Sichtbarkeit im Internet und sei es zunächst auch nur über ein Google My Business Profil. Für viele ein schon längst profaner Gedanke, der aber eben noch nicht zu jedem durchgedrungen ist. Gerade die kleinen Händler, die unsere Innenstädte so bereichern und am meisten an der Digitalisierungswelle zu schlucken haben, fangen hier gerade erst an. Doch die Erweiterung bestehender Kundschaft und eine bessere Auffindbarkeit, vor allen Dingen durch Smartphones, sind dadurch mit nur wenigen Klicks jedem garantiert.

Vielfalt trotz Veränderung wahren

Natürlich ist der Einzelhandel gefordert, immens an seiner Agilitätsschraube zu drehen. Die Zeiger stehen auf Veränderung und die Reaktionszeiten werden immer kürzer. Am Beispiel Pokémon Go sieht man nur allzu gut, wie weit und schnell die Digitalisierung greift, wenn man selbst als Händler die Möglichkeit hat, über Lockmodule” Spieler in seinen Laden zu locken”. Auch hier wurde eine neuartige Chance für den Einzelhandel geebnet, aber nicht jeder muss auf das Pferd aufspringen.

Trotz der vielseitigen und neuen Möglichkeiten, die die Digitalisierung mit sich bringt, sollte es weder dazu kommen, noch Ziel dieser Entwicklungen sein, das traditionell Gegebene in seinen Grundfesten zu zerschlagen. Entscheidend ist, die Neuerungen an den richtigen Stellen anzusetzen, die Digitalisierung als Wachstumstreiber und nicht Schafrichter zu verstehen und die für einen (individuell) gewinnbringenden neuen Möglichkeiten nutzbar zu machen.

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