Neuer Ausbildungsberuf ab 2018: „Kauffrau/mann im E-Commerce"

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Jetzt ist es offiziell: Ab August 2018 kann man sich in Deutschland im Bereich E-Commerce ausbilden lassen. Der Handel freut sich über die künftigen Fachkräfte, doch es gibt auch einige Stimmen, die sich fragen, ob ein neuer Ausbildungsberuf wirklich notwendig beziehungsweise sinnvoll ist.

Der Handel im Internet wächst

Vor 21 Jahren gingen die ersten Onlineshops an den Start, darunter Amazon und AuctionWeb (der Vorläufer von eBay). Auch der Versandhändler Otto bot 1995 bereits einen Großteil seines Sortiments online an. Inzwischen gehört die Informationsbeschaffung zu Produkten und Anbietern sowie das Shopping im Internet fest zu unserem Alltag und erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit. 2015 wurden im Onlinehandel 47 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, berichtet das Institut für Handelsforschung Köln (IFH Köln) in der Studie „Branchenreport Onlinehandel”. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das eine Steigerung von 12 %. Für 2016 rechnet das Institut mit einem Online-Umsatz von über 50 Milliarden Euro und einer Wachstumsrate von 11 %.

Am stärksten wachsen momentan die Bereiche Wohnen und Einrichten, Heimwerken und Garten, Lebensmittel sowie Drogeriewaren und Kosmetik. Allein die Online-Verkäufe von Lebensmitteln und Delikatessen sind 2015 im Vergleich zu 2014 um 27,6 % gestiegen.

Der Handel im World Wide Web ist im Vergleich zum stationären Handel zwar noch verhältnismäßig jung, aber er wächst schnell und konstant. Nach Schätzungen des IFH Köln gibt es derzeit 120.000 Onlinehändler in Deutschland. Mit den eBay- und Amazon-Verkäufern, die keinen eigenen Onlineshop besitzen, sind es 400.000. Auch die Zahl der stationären Einzelhändler mit eigenem E-Commerce-Angebot stieg dieses Jahr auf 73 %. 2015 waren es noch 60 %.

Die Branche braucht dringend Fachkräfte

Das stetige Wachstum des Onlinehandels und die dadurch neu entstehenden Aufgabengebiete schaffen einen großen Bedarf an qualifizierten Fachkräften in dieser Branche. Ein Potenzial, das bisher kaum ausgeschöpft wurde, denn bislang gab es keine Möglichkeit zur Ausbildung auf diesem Gebiet.

Die meisten Onlinehändler sind Autodidakten und beziehen ihr Wissen aus der Praxis. Viele Händler nutzen auch private Weiterbildungsangebote, wie zum Beispiel die Ausbildung zum E-Commerce-Manager vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) und der Rid-Stiftung. Eine weitere Fortbildungsmöglichkeit bietet die Digital Business School, ein Partnerprojekt des bevh, der Steinbeis-Hochschule und der Firma dotSource. Auch verschiedene Hochschulen, unter anderem die FH Wedel, haben Studiengänge im E-Commerce bzw. Cross-Channel-Management im Angebot. Allerdings gibt es bei all diesen Angeboten keine abgestimmten Anforderungen an die Qualifikationen und die Kosten für die Weiterbildungen sind mitunter sehr hoch.

Daher haben der Handelsverband Deutschland, die Deutsche Industrie- und Handelskammer sowie der bevh in den vergangenen Jahren zusammen an einem neuen Ausbildungskonzept gearbeitet. Im August 2016 fanden die Antragsgespräche mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) statt. Das Ziel war die Schaffung eines Ausbildungsberufes, der den aktuellen Anforderungen an den Beruf gerecht werden soll.   

Die dreijährige Ausbildung zum E-Commerce-Kaufmann, die ab August 2018 möglich sein wird, erfordert keinen bestimmten Schulabschluss und soll neben kaufmännischen Grundlagen, wie Controlling und Rechnungswesen, vor allem IT-Inhalte abdecken.

Die Web-Relevanz wurde bisher vernachlässigt

Aber ist die Schaffung eines eigenständigen Berufes wirklich erforderlich? Oder wäre die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel weiterhin ausreichend? Ein Großteil der Handelsunternehmen unterstützt eine eigenständige E-Commerce-Ausbildung. Online-Unternehmen müssten flexibel sein und auf technische Neuerungen reagieren können, heißt es. Dafür brauche man in Zukunft immer mehr geschultes Personal.

Die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel beschäftigt sich zwar inzwischen schon vermehrt mit web-basierten Themen, wie IT-Wissen, Logistik, Marketing und Recht, doch eine Ausbildung, die alle relevanten Themen für die Online-Branche ausreichend abdeckt, fehlte bislang. Außerdem unterscheiden sich die Anforderungen im E-Commerce von denen im Offlinehandel.

Hinzu kommt, dass reine Online-Unternehmen, die nicht im stationären Handel beschäftigt sind, bisher nicht ausbilden können. Zur Zeit sind Ausbildungen bei Unternehmen im Bereich Online- und Versandhandel nur in folgenden kaufmännischen Berufen möglich:

→ Marketingkommunikation

→ Groß- und Außenhandel

→ Dialogmarketing

→ Büromanagement

→ Logistik

→ IT

Die Lehrpläne und Ausbildungsverordnungen decken aber die typischen Handlungsfelder im E-Commerce nicht genügend ab, so die Initiatoren des neuen Berufsbildes. In den Augen der Vertreter der Handelsbranche machen die technologischen Entwicklungen und die veränderten Kundenanforderungen einen eigenständigen Beruf erforderlich. Daher fordern diese eine umfassende Ausbildung mit dem Schwerpunkt E-Commerce und die Einbringung von mehr web-relevanten Themen in den Ausbildungslehrplan.

Dazu gehören unter anderem:

    • Onlineshop-Management
    • Onlinemarketing
    • Google-Suchmaschinenoptimierung
    • Soziale Medien
    • Keyword-Recherche und -Analyse
    • Erstellung von Produktbildern und -beschreibungen
    • Verkauf von Produkten über Amazon und eBay
    • Kundenbindung im E-Commerce
    • Analyse des Kaufverhaltens von Kunden in Onlineshops
    • Versandkostenoptimierung
    • Retourenmanagement
    • Rechtliche Anforderungen
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E-Commerce-Kompetenzen sind gefragt

Der neue Beruf soll außerdem den Mangel an IT-Fachkräften lindern. Diese übernehmen zur Zeit überwiegend fachfremde Aufgaben, die später der E-Commerce-Kaufmann übernehmen kann. Dazu gehört das Fotografieren und Veröffentlichen von Produktbildern, die Verfassung und Auswertung von Newsletter-Kampagnen, die Erstellung von Verkaufsanalysen, die Bearbeitung von Retouren sowie der Kundenservice über soziale Medien. Für all diese Aufgaben sind keinerlei Programmierkenntnisse nötig. Somit sind etliche E-Commerce-Posten mit einer IT-Fachkraft momentan nicht ideal besetzt.

Darüber hinaus werden künftige Online-Kaufleute später in mehreren Berufsfeldern Beschäftigung finden können, da viele Bereiche E-Commerce-Kompetenzen benötigen:

– Herstellende Industrie

– Produzenten von Konsumgütern

– Großhändler und Importeure

– Tourismus

– Versicherungswirtschaft

– Handwerk

Einige Stimmen befürchten allerdings, dass in Zukunft nur noch ausgebildete E-Commerce-Kaufleute Onlineshops betreiben können. Doch diese Befürchtung ist unbegründet, denn auch im stationären Handel kann jeder ein Ladengeschäft eröffnen, auch ohne eine kaufmännische Ausbildung absolviert zu haben. Vielmehr sollen die ausgebildeten Onlinehändler begehrte Fachkräfte sein, die für den Job die meisten Kompetenzen mitbringen.

Ein weiteres Gegenargument war der Vorschlag, die bereits vorhandenen Ausbildungsberufe um die Online-Themen zu erweitern. Die Einbeziehung der Themen in vorhandene Ausbildungsberufe würde die Inhalte jedoch zu sehr aufblähen. Zudem wären dann Ausbildungsbetriebe ohne E-Commerce-Angebot nur noch eingeschränkt zur Ausbildung fähig.

Eine E-Commerce-Spezialisierung soll aber für gelernte Einzelhandelskaufleute neben dem eigenständigen Ausbildungsberuf möglich sein.

Beruf mit Zukunft

Die Digitalisierung der Wirtschaft und die Entwicklungen im Einzelhandel verändern nicht nur unseren Alltag und das Einkaufsverhalten, sondern auch die Berufsbilder. Ein eigenständiger Ausbildungsberuf im E-Commerce ist sicherlich sinnvoll und bietet Auszubildenden und Handelsunternehmen gleichermaßen vielversprechende Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft.

Die Ausbildung zum Onlinehändler soll nicht nur einen zeitgemäßen und zukunftssicheren Beruf schaffen. Die Neuerungen sollen außerdem die Ausbildungsqualität verbessern und dem Fachkräftemangel im E-Commerce-Bereich entgegenwirken.

Wenn man sich das schnelle Wachstum des Marktes und dessen Potenzial ansieht, ist es überraschend, dass in Bezug auf eine Modernisierung der Berufslehrgänge so lange gewartet wurde.

Titelbild:
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Weiteres Bildmaterial:
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Quellen:
http://www.abendblatt.de/wirtschaft/karriere/article209085345/Ausbildung-zum-E-Commerce-Kaufmann-kommt-im-August-2018.html
http://www.bevh.org/themen-positionen/standpunkte/reform-der-ausbildungsberufe-im-einzelhandel/
http://www.mdr.de/nachrichten/wirtschaft/inland/neuer-beruf-ecommerce-100.html

E-Commerce-Kaufmann: Online-Händler soll Ausbildungsberuf werden


http://www.netzaktiv.de/blog/ausbildung-im-e-commerce-interview-zum-stand-der-dinge/   
https://www.bevh.org/blog/blog-post/2015/05/01/zum-1-mai-e-commerce-kaufleute-und-gute-digitale-arbeit/
http://www.e-commerce-magazin.de/20-jahre-onlinehandel-jahrbuch-des-e-commerce-2015
http://www.ifhkoeln.de/pressemitteilungen/details/onlinehandel-in-deutschland-auch-absolutes-wachstum-nimmt-weiterhin-zu/
https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index;BERUFENETJSESSIONID=MyFKl5f7plarLBWIQ-xxcmLb7yhXY4Q-fzArzvTsaHoQ_SvyTWx2!-743131117?path=null/suchergebnisse/kurzbeschreibung/ausbildungsinhalte&dkz=6580
http://www.dihk.de/branchen/handel/handelsberufe



Über den Autor/in
Maximilian Gaar
Head of Marketing

Inventorum GmbH

Experte/in für

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