Wie viel Zukunftspotenzial steckt im Mobile Payment?

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Mobile Payment wurde unlängst für die Zukunft des Einzelhandels hoch gehandelt, doch wie sieht es derzeit in Deutschland und Europa diesbezüglich aus? Aktuelle Studien und Umfragen zeigen, dass sich die Zahlung per Smartphone hierzulande komplett anders entwickelt als im Rest der Europäischen Union.

Wenig Begeisterung in Deutschland

Kein Bargeld, keine Kreditkarte – einfach an der Kasse mit dem Handy bezahlen. So haben sich viele Einzelhandelsexperten und Trendforscher die Zukunft vorgestellt, doch bisher kommt das Mobile Payment in Deutschland nicht richtig voran.

Das Bezahlen per Mobiltelefon galt als der neue Trend. Laut einer Statista-Umfrage von 2015 sehen Vertreter verschiedener deutscher Finanzunternehmen die Zahlung per Smartphone in 10 Jahren auf Platz drei der am stärksten verbreiteten Zahlungsmittel im Einzelhandel. Die Zahlung mit Bargeld dagegen rutscht auf Platz fünf.

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Dabei klingen die Vorteile des Mobile Payment durchaus überzeugend:

  • schneller und bequemer Zahlungsprozess für Kunden
  • Kostenreduzierung der Bargeldversorgung für Händler
  • kombinierbar mit Marketingaktionen, wie Rabatten und Coupons, sowie Location Based Services und Social Media

Doch im Gegensatz zu anderen Ländern herrscht in Deutschland großes Misstrauen gegenüber der neumodischen Zahlungsart. Innerhalb Europas bildet die Bundesrepublik das Schlusslicht, während im Nachbarland Dänemark bereits jeder Dritte per Smartphone bezahlt. Zu diesem Ergebnis gelang die aktuelle Marktanalyse „Mobile Payment 2016” von GFT Deutschland, einem Informationstechnik-Dienstleister für Banken.

Während 2016 in Amerika bereits 12,7 % der Bevölkerung und in Japan sogar stolze 49 % regelmäßig mobil gezahlt haben, fehlt bei deutschen Verbrauchern das Interesse sowie die Akzeptanz dafür.

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Woher rührt das Misstrauen gegenüber Mobile Payment?

Eine aktuelle Umfrage von Visa ergab eine Steigerung der mobilen Zahlungen innerhalb Europas: 2016 haben 54 % der Kunden in 19 europäischen Ländern mobil bezahlt, 2015 waren es noch 18 %.

In Deutschland hingegen haben nur 4 % per Smartphone bezahlt, so eine Studie von Deloitte. Dabei ist es besonders überraschend, dass zwischen 91 % und 95 % der 18- bis 44-Jährigen noch nie mit dem Mobiltelefon bezahlt haben. Bei den über 45-Jährigen sind es zwischen 97 % und 99 %.

Doch warum sind Verbraucher hierzulande so zögerlich, wenn es um das Bezahlen per Handy geht?

Grund 1: Kein Mehrwert

Der am häufigsten angegebene Grund der deutschen Verbraucher ist der fehlende Mehrwert des Mobile Payment. Während Mobile Shopping und Mobile Banking mittlerweile konstant an Beliebtheit zunehmen, fehlen den meisten Kunden gute Gründe sowie überzeugende Argumente für die neue Zahlungsart per Smartphone.

Doch was wäre ein verlockender Mehrwert?

Hier lohnt sich ein Blick auf die verschiedenen Apps von Edeka, Netto und Co. Diese Apps bieten, neben einem integrierten Bezahlsystem, zum Beispiel Spar-Coupons, Rezeptideen und Einkaufshelfer. Der Nachteil ist allerdings, dass Kunden mit der App nur beim jeweiligen Unternehmen bezahlen können (Insellösung).

Die Bezahl-App von Payback kann dagegen bereits bei Alnatura, Aral, dm-drogerie markt, Galeria Kaufhof sowie Real eingesetzt werden. Sie kombiniert Mobile Payment mit dem Sammeln von Payback Punkten. Weitere Partner sollen noch folgen.

Grund 2: Sicherheitsbedenken

Die Angst vor Datenmissbrauch ist ein weiterer Grund für die zögerliche Nutzung mobiler Zahlungsangebote. Laut einer PwC-Umfrage von 2016 besteht für 85 % der Befragten die Gefahr, dass Daten gehackt und missbraucht werden. Eine weitere Umfrage zeigt, dass 39 % aus Sorge um den Schutz der persönlichen Daten Mobile Payment bisher noch nicht genutzt haben.

Eine Statista-Befragung zeigt ebenso deutlich, dass Verbraucher sich zuerst einen garantierten Schutz vor Datenbetrug sowie einen Risikoschutz im Falle eines Diebstahls des Mobiltelefons wünschen, bevor sie mobiles Bezahlen ausprobieren.

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Dabei wird, anders als bei gängigen Kreditkartenzahlungen, bei mobilen Transaktionen statt der vollständigen Kreditkartennummer nur ein einmaliger Code übermittelt. Die vollständigen Kreditkartendaten bleiben also geheim.

Doch was passiert, wenn das Handy mit den darin enthaltenen Informationen zum Mobile Payment gestohlen und unbefugt eine Zahlung durchgeführt wird? In der Regel kann der Handybesitzer bzw. Kontoinhaber vom Zahlungsdienstleister eine Rückbuchung verlangen. Es gibt aber eine Ausnahme: Zahlungen, die im Zeitraum zwischen dem Diebstahl und der Verlustmeldung getätigt werden, muss der Kontoinhaber bis zu einem Betrag von 150 Euro selbst tragen.

Grund 3: Mangel an technischen Standards

Die Sicherheitsbedenken werden wahrscheinlich noch durch unübersichtliche sowie unverständliche Angebote und Technologien befeuert. NFC, QR – bisher gibt es kein standardisiertes Verfahren für Mobile Payment.

  • NFC

    Die Abkürzung steht für Near Field Communication. Mit NFC können Daten drahtlos über kurze Distanzen (10-20 cm) ausgetauscht werden. Um eine Zahlung durchzuführen, wird das Smartphone oder die Karte nah an das Terminal gehalten. Die Bestätigung erfolgt über die Eingabe eines Passwortes oder über den Fingerabdruck.

  • QR

    QR steht für Quick Response. Beim Bezahlen über diese Technologie werden die Zahlungsinformationen durch Scannen des QR-Codes übertragen und durch die Eingabe einer PIN bestätigt.

Hinzu kommen die verschiedenen eigenständigen App-Lösungen diverser Supermärkte und Shops. Bisher wirkt das auf den an Bargeld gewöhnten Verbraucher unüberschaubar und kompliziert. So wäre es zur Zeit noch nötig, verschiedene Apps zum Bezahlen auf das Smartphone zu laden. Bei jeder ist ein eigenes Registrierungsverfahren sowie eine Konto-Verifizierung erforderlich. Der „vereinfachte und beschleunigte Zahlungsprozess” erscheint somit erst einmal arbeitsintensiver als die Barzahlung.

Grund 4: Fehlende Innovationsfreude

Dem deutschen Verbraucher wird ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein nachgesagt, wenn es ums Bargeld geht. Eine Studie des EHI Retail Institute beweist, dass die Mehrheit der Kunden im stationären Handel zum Bargeld greift: 2014 waren es 53,3 %. Doch auch der Anteil an Kartenzahlungen hat in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen.

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Hier gibt es noch mehr Informationen zum Thema:

Bargeldloser Zahlungsverkehr im Einzelhandel: Ist Bares immer noch Wahres?

Kontaktloses Bezahlen macht Hoffnung

Alles in allem fehlt es hierzulande noch an Vertrauen in die neue Zahlungsmethode. Doch für Verfechter des Mobile Payment gibt es einen Silberstreif am Horizont: Dank dem kontaktlosen Bezahlen per NFC hat dieses schon einen Fuß in der Tür. Immer mehr Kartenterminals sowie Kredit- und Girokarten sind mit der NFC-Technologie ausgestattet. So wurden 2015 laut Visa in Europa drei Milliarden kontaktlose Transaktionen durchgeführt. Der größte Anstieg wurde in der Gastronomie sowie im Einzelhandel gezählt. Allerdings wird contactless payment hauptsächlich in Supermärkten, an Tankstellen und von größeren Handelsketten angeboten. In kleinen Einzelhandelsgeschäften, Bäckereien und Kiosken ist es (noch) wenig verbreitet.

Auch in Deutschland wird kontaktloses Bezahlen immer häufiger genutzt: Im Vergleich zu 2015 soll sich die Zahl der kontaktlosen Transaktionen 2016 mehr als verfünffacht haben. Was spricht also dagegen, anstelle der Kreditkarte das Smartphone an das NFC-fähige Kartenterminal zu halten und so die Zahlung abzuwickeln?

Bei Aldi, Lidl, Rewe und Rossmann geht das zum Beispiel mit der Prepaid-App Boon von Wirecard. Diese App funktioniert auf allen NFC-fähigen Android-Smartphones und überall dort, wo Mastercard Kontaktlos akzeptiert wird.

Aller Anfang ist schwer

Dass in Deutschland noch ordentlich Pionierarbeit bezüglich Mobile Payment geleistet werden muss, leuchtet jedem Experten ein. Zuerst gilt es, bei den Verbrauchern für mehr Vertrauen in diese Zahlungsart sowie für mehr Überblick und Verständnis in Bezug auf Technologien zu sorgen.

Auch die Einführung der EC- und Kreditkarte war einmal neu und ungewohnt – heute wird sie von über 44 % der Kunden im stationären Handel gern genutzt. Immerhin gaben 30 % der Teilnehmer einer PwC-Umfrage von 2016 an, dass es in den nächsten 10 Jahren kein Bargeld mehr geben wird, sondern nur noch Mobile Payment. Das klingt doch optimistisch.

Titelbild:
https://www.shutterstock.com/de/pic-160559990/stock-photo-woman-using-her-mobile-phone-in-the-street-night-light-background.html?src=tBz7pWs9yw-bYwI6DEjVUQ-1-6

Weiteres Bildmaterial:
https://de.statista.com/infografik/4091/zahlungsmittel-im-stationaeren-handel-in-10-jahren/
https://de.statista.com/infografik/7296/nutzung-von-mobile-payment-im-geschaeft/
https://de.statista.com/infografik/5285/mobile-payment-nutzung-in-deutschland/
https://de.statista.com/infografik/3463/zahlungsarten-im-stationaeren-einzelhandel-in-deutschland/

Quellen:
https://ixtenso.com/de/story/31253-mobile-payment-deutschland-will-nicht-mobil-bezahlen.html
http://etailment.de/news/stories/Bezahlverfahren-Welcher-Payment-Typ-sind-Sie-20222
https://www2.deloitte.com/de/de/pages/presse/contents/zahlen-per-smartphone.html
https://www.heise.de/ct/artikel/Mobile-Payment-Alles-Wissenswerte-zum-mobilen-Bezahlen-mit-dem-Smartphone-3346240.html
http://t3n.de/news/mobile-payment-deutschland-2-767650/
https://www.inventorum.de/blog/bargeldloser-zahlungsverkehr-im-einzelhandel
https://www.ing-diba.de/pdf/ueber-uns/presse/publikationen/ing-diba-economic-research-iis-mobile-banking-2016-260716.pdf
http://www.internetworld.de/technik/internet/nachteile-mobile-payment-295433.html
https://www.visa.de/uber-visa/presse-und-news/kontaktloses-bezahlen-immer-beliebter-in-europa-drei-milliarden-kontaktlose-transaktionen-im-letzten-jahr-1402716?returnUrl=/uber-visa/presse-und-news/listing?type=pressrelease
http://etailment.de/news/stories/Paypal-breitet-sich-im-stationaeren-Handel-aus-17073
http://etailment.de/news/stories/Mobile-Payment-Warum-Apple-Pay-zoegert-und-was-es-in-Deutschland-fuerchten-muss–20124



Über den Autor/in
Maximilian Gaar
Head of Marketing

Inventorum GmbH

Experte/in für

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