Streit im Einzelhandel: Öffnungszeiten & Sonntagsruhe

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Die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten in Deutschland hat vor dem Ende des letzten Jahres noch einmal an Fahrt aufgenommen. Handelsverbände, Gewerkschaften und Kirchen streiten sich um die Ausweitung der Öffnungszeiten sowie um die Legitimation der verkaufsoffenen Sonntage. Doch was wollen eigentlich Händler und Kunden?

Handelsverbände fordern bessere Nutzung der erlaubten Öffnungszeiten

Der Handelsverband Deutschland sieht aufgrund von uneinheitlichen Regelungen zum Ladenschlussgesetz und restriktiver Rechtsprechung ein enormes Umsatzpotenzial, das dem stationären Einzelhandel jährlich verloren geht.

Laut Gesetz sind in den meisten Bundesländern unterhalb der Woche Öffnungszeiten von 6 bis 20 Uhr erlaubt. Doch eine große Anzahl von Händlern würde die gewährten Zeiten nicht genügend ausnutzen, so der HDE. In vielen Städten schließen Geschäfte schon um 18 oder 19 Uhr. Vielerorts sind die Öffnungszeiten auch nicht einheitlich, was unter den Kunden für Unsicherheit sorgt. Dem Verbraucher würde das Gefühl gegeben werden, dass das Geschäft ihn nicht nötig habe, wenn er schon vor 20 Uhr vor verschlossenen Türen stünde. Damit vermittelt der Handel ein falsches Bild.

In den Augen des Deutschen Handelsverbands ein fataler Fehler, der noch dazu beiträgt, dass der stationäre Einzelhandel immer weniger Umsätze macht, während der Onlinehandel stetig wächstDenn laut einer Statista-Umfrage schätzen fast 40 % der Kunden die unabhängigen Öffnungszeiten beim Online-Shopping am meisten. Somit müsse auch der Einzelhandel in den Städten flexiblere Öffnungszeiten bieten, um mit dem Internet mithalten zu können, so der Handelsverband.

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Der verkaufsoffene Sonntag als Ausgleich für den stationären Handel

Ein besonders hitziger Streit ist außerdem über die verkaufsoffenen Sonntage in Deutschland entbrannt. Vertreter des Handels sind der Meinung, dass der Sonntagsschutz nicht mehr zeitgemäß sei und gelockert bzw. abgeschafft werden sollte.

Die verkaufsoffenen Sonntage würden Städte beleben und den stationären Handel fördern. Besonders in kleinen Städten und ländlichen Gegenden wären diese Tage wichtig, weil dort die Öffnungszeiten in der Woche nicht so lang sind wie in den Großstädten. Die Sonntage würden angesichts des Wettbewerbs zwischen Online- und Offline-Handel einen wichtigen Ausgleich schaffen.

Im Onlinehandel gilt der Sonntag als der umsatzstärkste Tag der Woche. Der stationäre Handel müsse daher die gleiche Möglichkeit zum Einkaufen bieten. Bisher sind nach wie vor der Freitag und Samstag die umsatzstärksten Tage im Offlinehandel, doch der HDE sieht für die Einzelhändler noch viel ungenutztes Potenzial im Sonntag.

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Außerdem fordern die Handelsverbände die Abschaffung des Anlassbezuges, der bei Anträgen auf verkaufsoffene Sonntage notwendig ist. Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2014 besagt, dass „die Beschäftigung von Arbeitnehmern an Sonn- und Feiertagen […] nicht […] zur Befriedigung täglicher oder an diesen Tagen besonders hervortretender Bedürfnisse der Bevölkerung erforderlich” ist.

Ein Antrag auf Ausnahme des Sonntagsschutzes muss daher stets mit bestimmten Ereignissen begründet werden. Dazu gehören zum Beispiel Stadtfeste, Märkte, Ausstellungen oder Messen. Fällt die Begründung nicht ausreichend aus, können die Verwaltungsgerichte der Länder die Anträge ablehnen. Der HDE und viele Einzelhandelsunternehmen sprechen sich gegen diesen Anlassbezug aus, denn die Kosten für die Organisation von Stadtfesten seien besonders für kleine Gemeinden schwer zu stemmen.

Kirchen und Gewerkschaften setzen sich für den Sonntagsschutz ein

Kirchen und Gewerkschaften dagegen fordern mehr Schutz für Arbeitnehmer und pochen auf die gesetzliche Sonntagsruhe. Artikel 140 im deutschen Grundgesetz besagt folgendes: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Der Umstand allerdings, dass dieser Artikel aus der Zeit der Weimarer Republik stammt (1919), wirft die berechtigte Frage auf, ob diese Regelung noch zeitgemäß ist.

Die Gewerkschaft Verdi vertritt die Meinung, dass verlängerte Öffnungszeiten nicht die Lösung für das Dilemma des Einzelhandels wären. Mit dem Onlinehandel könne der stationäre Handel sowieso nicht gleichziehen und auch verkaufsoffene Sonntage seien nicht zwingend notwendig, da viele Händler neben dem stationären Geschäft bereits einen eigenen Onlineshop betreiben, der einen Ausgleich schaffen würde.

Händler nehmen Rücksicht auf Arbeitnehmer und deren Familien

Im Zuge dieser Konflikte kam es 2016 vermehrt zu Klagen gegen verkaufsoffene Sonntage in deutschen Städten. Der Sonntag sei der Familie vorbehalten und es müsse wenigstens einen Tag ohne Konsum geben, so die Vertreter von Kirche und Gewerkschaften. Ohnehin würden kleine Händler und Familienbetriebe nicht von den offenen Sonntagen profitieren, sondern nur große Handelsketten und Einkaufszentren.

Auch einige Händler zögern trotz zurückgehender Einnahmen und der vermeintlichen Gefahr, die vom Onlinehandel ausgeht, mit der Öffnung ihrer Geschäfte am Sonntag, vor allem aus Rücksicht auf ihre Mitarbeiter und deren Familien. Allerdings wünscht sich die Mehrheit der Händler mehr Freiheit und Selbstbestimmung im Umgang mit dem Sonntagsschutz und würde gern häufiger sonntags öffnen.

Shoppen rund um die Uhr ‒ was wollen Kunden?

Während sich Gewerkschaften und Handelsverbände zanken, bleibt die Frage, was eigentlich die Kunden über längere Öffnungszeiten und verkaufsoffene Sonntage denken. Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn die Meinungen dazu sind vielfältig.

Ein großer Teil der Verbraucher spricht sich für längere Öffnungszeiten und den Verkauf an Sonntagen aus. Veränderte Arbeitszeiten und Schichtarbeit erfordern flexiblere Ladenschlusszeiten, insbesondere, wenn es um die Deckung des Grundbedarfs, also die Versorgung mit Nahrungsmitteln, geht.

Vor allem Berufstätige schätzen daher Öffnungszeiten in Supermärkten und Lebensmitteldiscountern von 7 Uhr bis 21 oder 22 Uhr sowie Öffnungen an Sonntagen. Für viele ist der Sonntag ein Tag wie jeder andere, an dem man genauso einkaufen gehen möchte wie an allen anderen Tagen der Woche. Allerdings sind viele Kunden der Meinung, dass nicht alle Geschäfte sonntags geöffnet sein müssen. Dazu zählen zum Beispiel Bekleidungs- und Elektronikgeschäfte.

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Andere wollen lieber wochentags einkaufen gehen, weil es ihnen am Wochenende zu voll ist. Ein oder zwei verkaufsoffene Sonntage im Monat wären in Ordnung, doch viel wichtiger wäre erst einmal die Einführung einheitlicher Öffnungszeiten, so wie in Einkaufszentren.

Es gibt aber auch Kunden, die gänzlich gegen verkaufsoffene Sonntage und Öffnungszeiten bis spät in die Nacht sind, – allerdings selten aus religiösen Gründen. Ein Großteil von ihnen zeigt sich vielmehr solidarisch mit dem Verkaufspersonal und vertritt die Meinung, dass die Geschäfte an einem Tag in der Woche geschlossen bleiben können. Besonders Rentner, Schüler und Studenten sind beim Thema Ladenöffnungszeiten flexibel. Menschen, die selbst im Handel tätig sind, lehnen Öffnungen an Sonntagen eher ab als Vertreter anderer Berufszweige.

Das Ziel: Die Versöhnung von Online und Offline

Wie bei so vielen Dingen im Leben gibt es auch beim Thema Öffnungszeiten nicht die eine richtige Antwort. Sicherlich hat jede Seite begründete Argumente, doch ein Allheilmittel gibt es nicht.

Natürlich schätzen Kunden die Flexibilität des Onlinehandels, aber das bedeutet nicht, dass der stationäre Handel dadurch seinen Reiz verliert. Für Einzelhändler gilt es jetzt, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Das Einkaufen in den Städten wird sich für Kunden immer mehr zu einem Freizeiterlebnis entwickeln, das mit Freunden und Familie geteilt wird und bei dem der Wunsch nach persönlicher Beratung sowie gutem Service im Vordergrund steht. Daher ist es für Händler elementar, auf die veränderten Kundenwünsche einzugehen und eine interessante Customer Journey zu bieten, idealerweise in Kombination mit Online-Angeboten.

Vielleicht ist es ein Fehler, die Verkaufskanäle Online und Offline immer noch als Konkurrenten anzusehen. Beide bieten ihre eigenen Vor- und Nachteile, doch wenn die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen und sie zu Verbündeten werden, könnte ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft getan sein.

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